Was hat uns Bologna gebracht?

FU-Studentin Neslihan Aslan macht ein Praktikum für den Tagesspiegel. Sie hat uns für ihre Recherchen folgende Fragen gestellt. Wir haben sie gerne beantwortet und veröffentlichen sie hier:

1) Interviewerin: Der Bologna-Prozess kämpft in der Bundesrepublik auch nach mehr als 10 Jahren immer noch mit gravierenden Problemen. Wie steht die Grüne Hochschulgruppe zu dieser Reform?

Der von den Mitgliedsstaaten vereinbarte Bologna-Prozess sowie dessen Umsetzung in Deutschland gehen grundsätzlich an den Bedürfnissen der Studierenden vorbei und wirken sich in entscheidenden Fragen gegensätzlich zu seinen ursprünglichen Zielen aus. Es wurden weder eine höhere Mobilität noch eine höhere Lehrqualität erreicht. Das Bachelor-Studium ist stärker reglementiert und verschult als die alten Studiengänge. Individuelle Schwerpunktsetzung und intensive Auseinandersetzung mit Themen werden erschwert, da ein individuelles Lerntempo und eine freie Themenwahl kaum mehr möglich ist. Die Einführung von Bachelor und Master wurde über die Köpfe der Studierenden hinweg geplant und umgesetzt.

2) Interviewerin: Viele Studierende sind ja unzufrieden mit den Studienbedingungen. Sie kritisieren u.a. den Zeit- und Leistungsdruck, die Verschulung sowie die raren Master-Studienplätze. Was sagt ihr dazu?

Allen BA und MA ist ihre im Vergleich zu den alten Studienordnung eine höhere Verschulung festzustellen. Diese Verschulung wirkt sich in vielen Studiengängen durch einen höheren Zeit- und Leistungsdruck aus. Im Gegensatz dazu ist in einigen Fällen der Stoff aber auch großzügiger bemessen und es wird mehr Zeit für das Selbststudium veranschlagt. In diesen Studiengängen klagen viele Studierende über mangelnde Lernangebote und empfinden ihr Studium als ein Schmalspurstudium, dass über wenige grundsätzliche, teilweise triviale Lehrinhalte nicht hinausreicht. Die Verschulung wirkt sich also in den Studiengängen unterschiedlich und meist sehr negativ aus.

3) Interviewer: Viele kritisieren den Umstand, dass nicht alle Studieninteressierten einen Master-Studienplatz bekommen und fordern daher freien Zugang zum Master! Was haltet ihr davon? Sollten nicht, entsprechend des Grundrechts auf Hochschulzulassung, alle Bewerberinnen und Bewerber, die die Voraussetzungen erfüllen – und das ist eben der Bachelor-Abschluss -, dazu berechtigt werden zum Master-Studium zugelassen zu werden?

Die Grüne Hochschulgruppe spricht sich für einen freien Zugang zum Master aus. Das bedeutet, dass jedeR BA-AbsolventIn die Möglichkeit haben muss ein geeignetes Masterstudium aufzunehmen.

(siehe auch Frage 7)

4) Interviewerin: Dauernde Klausuren, Tests, Prüfungen – Der Erfolgsdruck lässt viele verzweifeln. Konnte seit der Einführung von Bachelor und Master ein Anstieg der Nachfrage nach psychosozialer Beratung verzeichnet werden?

Im Vergleich zu den alten Diplom-, Magister- oder Staatsexamensstudiengängen besteht im BA und MA eine dauerhafte Belastung durch das studienbegleitenden Prüfen vom ersten Semester bis zur Abschlussprüfung. Diese führt in vielen Fällen zu einer Art Dauerstress, der sich in vielfältigen psychischen Problemen bemerkbar macht. Dafür reduziert sich im BA und MA die starke Belastung der Schlussprüfung, wie sie im Diplom, Magister und Staatsexamen für Probleme gesorgt hat. Die Umstellung zu BA und MA bewirkt eine Veränderung der individuellen Problemlagen aber für sich allein genommen nicht unbedingt einen Anstieg. Der Anstieg psychischer Probleme und der erhöhte psychische Betreuungsbedarf ist nach Auskunft von Herrn Rückert von der Psychischen Beratung der FU nicht auf die Einführung des BA/MA zurückzuführen sondern entspricht vielmehr einem allgemeinen gesellschaftlichen Trend.

5) Interviewerin: Im neuen Bildungsgesetz wird Zwangsexmatrikulation quasi im Gesetz verankert, wenn die Studierenden ihr Studium nicht in der knapp bemessenden Regelstudienzeit fertig kriegen. Ist es denn nicht bedenklich, Studierende einem solchen Druck auszusetzen? Auch in Anbetracht der Tatsache, dass viele Studierende ihr Studium durch eine Nebentätigkeit finanzieren müssen.

Es ist bedenklich Studierende diesem Druck auszusetzen, der im Einzelfall zu vielen individuellen Härten führen wird. Vielen Studierenden wird durch eine Zwangsexmatrikulation der weitere Lebensweg verbaut werden, da sie an keiner anderen Hochschule wieder ein fachgleiches Studium aufnehmen dürfen. Die Zwangsexmatrikulation wird besonders jene treffen, die sich ihrer Rechte nicht im Klaren sind und nicht rechtzeitig unabhängige Beratung, wie zum Beispiel durch die Berliner ASten einholen.

Das System aus Zwangsberatungen und Zwangsexmatrikulation geht von einem einheitlichen Normstudierenden mit Normbedingungen aus und bringt Menschen mit besonderen Lebenslagen in einen Rechtfertigungsdruck. Die Zwangsberatungen wirken sich negativ auf das Lernklima und die Studienqualität aus. Statt individuellen Lernfortschritt aus eigenen Antrieb zu ermitteln, nehmen die Zwangsberatungen ausschließlich formalen Studienfortschritt in den Blick. Die engen Fristen und das Damoklesschwert der Zwangsexmatrikulation führt zu oberflächlichem Lernen. Viele Studierende neigen inzwischen dazu durch das Plagieren von Hausarbeiten oder Betrugsversuchen in Prüfungen dem Druck auszuweichen. Der hohe Arbeitsaufwand, der durch die hohe Prüfungsbelastung auch auf den Lehrenden lastet, begünstigt durch häufig oberflächliche Korrekturen die Tendenz zum Plagieren ebenfalls.

6) Interviewerin: Laut Bologna-Reform sollen Auslandssemester einfacher realisierbar werden. In der Realität erkennen viele Unis die Punkte anderer Hochschulen aber nicht an, mit dem Argument, die Leistungsanforderungen seien zu unterschiedlich. Außerdem sind viele Bachelor-Lehrpläne so eng geplant, dass keine Auslandsaufenthalte möglich sind. Was sagt ihr zu dieser Problematik?

Dabei war die mangelnde Vergleichbarkeit von Studienleistungen war nie ein Problem sondern die mangelnde Bereitschaft Quereinsteiger_innen oder Studienortswechsler_innen zu integrieren. Viele Bereiche tendieren dazu sich auf einzelne Fachgebiete zu spezialisieren und verlangen passgenaue Qualifikation im BA um im MA zügiger und erfolgreicher arbeiten und ausbilden zu können. Damit wird sowohl das Auslandssemester erschwert, wie auch ein Studienortwechsel nach oder schon während des BA. Die Einführung eines festgelegten, häufig konsekutiven Seminarprogramms und strenge Anwesenheitspflichten haben auch die Möglichkeiten für kurzfristige individuelle Studienreisen verschlechtert.

Tatsächlich sollte es mehr Bereitschaft geben individuellen Lernfortschritt anzuerkennen und wert zu schätzen und dementsprechend auch im Auslandsstudium erworbene Qualifikationen als Leistungspunkte anzuerkennen, etwa als fachnahe Zusatzqualifikation im ABV-Bereich oder durch Kooperationsabkommen mit ausländischen Hochschulen. Es muss auch möglich sein ein in einem anderen Land oder in einer anderen Stadt begonnenes BA-Studium in Berlin zu beenden. Die Studierenden müssen vor zu eng gestrickten Zugangsbeschränkungen geschützt werden, die bewirken, dass nur die Studierenden des eigenen BA eine realistische Chance haben ein Master-Studium am jeweiligen Standort aufzunehmen.

7) Interviewerin: Nur ein Masterabschluss hat denselben Wert wie früher ein Diplom- oder Magisterzeugnis. Wie beurteilt ihr daher die Berufschancen von Bachelor-Absolventen auf dem Arbeitsmarkt?

Ein Bachelorstudium vermag zwar Fachwissen und einige methodische Grundlagen zu vermitteln. Ein BA-Abschluss allein befähigt aber nicht zum eigenständigen Arbeiten und vermittelt keine individuelle Qualifikation, die für einen Berufeinstieg aber auch für die Beurteilung gesellschaftlicher Fragen in vielen Fällen notwendig sind. Eine vertiefende Auseinandersetzung mit einem wissenschaftlichen Fachgebiet ist im Bachelor-Studium nicht möglich.

8 ) Interviewerin: Wurden in der im Mai stattfindenden Bologna-Konferenz Lösungsansätze zu den bestehenden Problemen geliefert?

In der Bologna-Konferenz wurden zum erstmals die Studierendenverbände die Möglichkeit gegeben direkt auf den Reformprozess Einfluss zu nehmen anstatt ihn lediglich mit Stellungnahmen zu kommentieren. Leider stand der Show-Effekt von Anfang an stärker im Vordergrund als die tatsächliche Beteiligung an Entscheidungsprozessen. Leider war die Bereitschaft zu echtem Kurswechseln war vonseiten der Bundesministerin, der Kultusministerkonferenz und der Hochschulrektorenkonferenz kaum vorhanden.

9) Interviewerin: Die Diplom- und Magisterabschlüsse in Deutschland waren international nicht nur anerkannt, sondern auch in hohem Maße respektiert. Ist die Umstellung auf Bachelor- und Master eurer Meinung nach vernünftig gewesen?

Nein, die zwangsweise Umstellung aller Studienordnungen war nicht vernünftig, sondern ideologisch motiviert, denn sie sollte eine stärkere europäische Integration demonstrieren. Leider blieb es bei dieser demonstrativen Wirkung. Tatsächliche Defizite im deutschen Universitätswesen wurden nicht ausreichend analysiert und konnten kaum gemindert werden. Dafür entstanden durch das Top-Down-Verfahrend viele überflüssige Vorgagen und negative Auswirkungen, die von den Betroffenen zwar von Anfang an kritisiert wurden, jedoch von den Entscheidungsbemächtigten ignoriert wurden. Auf diese Weise war sowohl das anfängliche Chaos, die permanente Überlastung des Lehrkörpers durch zusätzliche administrative Aufgaben sowie die flächendeckende Verschlechterung der Studienbedingungen vorprogrammiert. Die BA/MA-Reform ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass die europäische Integration nur von unten gelingen und nicht von oben verordnet werden kann.

Es wäre für Deutschland und für die Europäische Union kein Nachteil entstanden, wenn die Umstellung auf BA und MA freiwillig von den Studiengängen vollzogen worden wäre. In vielen Fällen wäre es außerdem problemlos möglich gewesen, alte und neue Studienordnungen parallel anzubieten, wie es auch immer noch möglich ist, die alten Studienordnungen wieder einzuführen. Eine zwangsweise, flächendeckende Einführung im Hauruck-Verfahren war die schlechteste aller Varianten und hat die Probleme erzeugt, die wir jetzt haben.

Es gibt keine Kommentare zu diesem Beitrag.

Kommentar hinterlassen

Impressum